Mit ‘Gutenberg’ getaggte Artikel

Gutenberg und (k)ein Ende?

Mittwoch, 02. Dezember 2009

In diversen Postings -hier und an anderer Stelle- habe ich bereits meinem vagen Gefühl Ausdruck verliehen, dass wir in einer unglaublichen Zeitenwende leben, was aber viele, ja die meisten nicht wahrhaben wollen: das gedruckte Buch, so wie wir es kennen und schätzen, geht seinem (raschen) Ende entgegen; der jahrhundertlange Gutenbergzyklus wird abgelöst. Noch zögere ich, ob nicht doch ein Fragezeichen diese Aussage beenden sollte, noch frage ich mich, ob man dies so klar und unmißverständlich schreiben kann ohne Gefahr zu laufen, für einen nicht ernst zu nehmenden Spinner und Phantasten zu gelten.
Doch die Zeichen, Hinweise, täglichen Neuigkeiten über die Veränderungen in der Welt, die immens wachsenden Diskussionen mit zunehmender Ernsthaftigkeit, ja Besorgnis innerhalb der unterschiedlichsten Gruppen über dieses zentrale Thema bilden ein Fixierbad, das ein nicht mehr zu leugnendes neues Bild von der Zukunft/ Ende des Buches schimmernd erscheinen lässt.
Sicher, ich werde ohne Zweifel auch in zehn Jahren noch meine kleine Bibliothek besitzen, werde auch noch Bücher kaufen können und dies auch tun; aber das Buch wird dann in allen seinen Ausprägungen (Nachschlagewerk, Lern- und Lehrmittel, Unterhaltungsmedium, Wissenschaftsdokumentation, etc) eine absolute Nebenrolle spielen. Auf allen Ebenen wird es zum absoluten  Nischenprodukt mutieren für einzelne wenige Nutzer und Liebhaber.
Diejenigen, die dann noch Bücher in ihren Häusern haben, bewahren diese in den Regalen wie einige heute noch Schallplatten aus den 60er oder 70er Jahren besitzen (wobei eigenartigerweise ein aktueller Modetrend der vergessenen LP wieder Auftrieb verleiht).

Nach den ersten Entgegnungen wie: “Blödsinn! Quatsch! Es wird immer Bücher geben! Die Branche wächst! Jedes jahr kommen mehr als eine Million Bücher hinzu! Usw”
sollte man sich besser schlicht der Frage stellen und ihre Folgen durchdenken, auch wenn es einem nicht schmeckt, man es ärgerlich, bedrohlich oder sonstwas findet. Das Kulturgut Buch hat seine Kleidung verloren wie der Kaiser bei Andersen. Es wird auch meist nicht mehr wertgeschätzt wie in den Jahrzehnten, Jahrhunderten der Vergangenheit.
Welche Folgen hätte diese meine ungeheure Aussage/Behauptung, wenn sie denn in dieser radikalen Form oder mit nuancierten Färbungen Wirklichkeit wird? Folgen für den Buchhandel, die Antiquariate, die Sammler,… die Leser, ja (ohne Pathos) die Menschheit?

Einige dieser Folgen lassen sich bei sensiblem bewußten Beobachten, Hinhören und Analysieren täglich erkennen. Das Verschwinden der antiquarischen Ladenlokale, das Verschwinden der Sammler, ja das Verschwinden der Leserschaft. Dem stehen gegenüber: der irrwitzig ansteigende Angebotsmarkt übers Internet, der gewaltige Wandel im gesamten Mediengeschehen, die unaufhaltsame Komplettdigitalisierung jeglicher Informationen.
Die Talfahrt der Handelspreise antiquarischen Bücher wird mittlerweile auch von Antiquaren, die in einer Art Illusionswolke leben, nicht mehr geleugnet.

All dies schreibt ein Antiquar, der bibliophil denkt und fühlt, dessen liebster Aufenthalt zwischen den Buchdeckeln ist und für den ein Leben ohne solcherart bedrucktes, wundervoll gebundes Papier nicht vorstellbar ist, da es ihm Sinn und Nahrung zugleich schenkt.
Dass ich mit derartigen, keinesfalls defätistischen Gedankengängen kein “Einzeltäter” bin, der sich solchen Fragen stellt und mögliche Zukunftsvisionen durchdenkt, bezeugen zwei sehr lesenswerte aktuelle Erscheinungen, die ich unbedingt zur Lektüre und weiteren Vertiefung des Themas empfehlen möchte:
Vor kurzem erwarb ich The Case for Books -Past, Present, and Future” von Robert Darnton, das nach dem “Anschnuppern” sofort den obersten Platz meines SzlB (Stapel zu lesender Bücher) eroberte. Der sicher überaus kompetente R. Darnton behandelt in den Essays dieses Buches exakt die angerissenen Fragestellungen.
Er beginnt sein Buch einleitend: “This is a book about books, an unashamed apology for the printed word, past, present and future. It is also an argument about the place of books in the digital environment that has now become a fundamental fact of life for millions of human beings. Far from deploring electronic modes of communication, I want to explore the possibilities of aligning them with the power that Johannes Gutenberg unvleashed more than five centuries ago. What common ground exists between old books and e-books? What mutual advantage link libraries with the Internet? Those questions may sound empty in the abstract, but they take concrete form in decisions made every day by players in the communication industry - webmasters, computer engineers, financiers, lawyers, publishers, librarians and a great many ordinary readers.” Aus dem Klappentext: “…But is the era of book as we know it -a codex of bound pages- coming to an end? And if it is, should we celebrate its demise and the creation of democratic digital future, or mourn an irreplaceable loss?…”
R. Darnton ist Direktor der Harvard University Library, Universitätsprofessor und gilt als Pionier auf dem Feld der Geschichte des Buches.
Die Lektüre verspricht sehr interessant und spannend zu werden. Zu welchem Schluß wird er letztlich gelangen?
Dies Buch konkurriert sehr mit einem zweiten Buch (das ich ebenfalls sehr empfehlen möchte) um meine Lesegunst:
Ken Aluettas “Googled - The End of the World as We Know It“.  Zentrales Thema: wie Google die Welt rasch und unaufhaltsam verändert.
Ich sehe starke und unmittelbare Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Einflüsse zwischen diesen beiden Themen, der dominierenden Entwicklung von Google und dem Verschwinden der Bücher Gutenbergs -als eine der Folgen des weltweiten Wandels. Spannende Lektüren beide, werde also auch parallel lesen, auch wenn das Englisch etwas mühevoller ist. SF, aktuelle Technik, Sozial- und Geschichtsphilosophie in einem.

Das einzige, was mir ironischerweise, aber auch beruhigend auffällt: beide visionären Essays / Abhandlungen finden sich zwischen unseren altvertrauten und -bewährten Buchdeckeln aus Pappe mit Schutzumschlag auf schwarzbedrucktem Papier.

ALI

Neue Formen des Lesens: VOOKS

Dienstag, 13. Oktober 2009

Aus alter Verbundenheit zur süddeutschen Heimat lese ich, sozusagen als zweite Tageszeitung, regelmäßig auch die Süddeutsche Zeitung. Besonders gerne auch die Montagsausgabe, da sie eine Beilage mit Artikeln der New York Times bietet. Zum einen sorgt diese Beilage dafür, dass meine englischen Sprachkenntnisse nicht verloren gehen, zum anderen sind viele der ausgesuchten Artikel sehr lesenswert und spiegeln die Entwicklungen in den USA nach Europa.
In der gestrigen Ausgabe, passend zu  dem Beginn der Frankfurter Buchmesse, war über die Neudefinition des Lesens mit “Hybrid Büchern” zu lesen.  

Das Buch, das seit 500 Jahren keine wirklich grundlegende Veränderung in Rezeptur, Herstellung, Aufmachung und Nutzung erfahren hat, erlebt gerade in unseren Tagen doch einen riesigen “Evolutionsschub”. Und wie in der Evolution in der Natur erfolgen Veränderungen weder streng linear, noch oberflächlich rational und transparent verständlich.
Es gibt hin und wieder evolutionäre Sprünge, viele unterschiedliche, mögliche Entwicklungszweige werden probiert, weiterverfolgt oder kurz darauf wieder eingestellt. Die Entwicklung selbst erfolgt nie abgeschottet aus sich allein heraus, sondern im ständigen Abgleich mit der Umgebung, die damit ebenfalls die Entwicklungsrichtungen und deren Tempo beeinflusst.

Lange Zeit habe ich mich auch gegen die Vision vom Sterben des Buches, wie wir es kennen und lieben, gewehrt. Wollte diese Entwicklungen nicht wahrhaben und saugte gierig die gegenteiligen Erläuterungen der Experten (Verleger, Buchhändler, Antiquare, Autoren und auch Leser) und Freunde und Bekannten auf, die darauf hinausliefen, dass das Buch Bestand haben wird, weil es in seiner materiellen Form vollendet sei und durch nichts zu ersetzen. Doch zunehmend spüre und ahne ich, dass wir uns selbst täuschen, uns was vormachen, es einfach nicht wahrhaben wollen und daher wegschauen. Es fehlt uns der klare Blick und die innerliche Akzeptanz, dass die immer schneller sich vollziehenden  und auch komplexer werdenden Veränderungen in der Welt nicht Halt machen vor bestimmten Lebensbereichen oder einen aussparenden Bogen um das Buch und die Art des Lesens  ziehen.
Nichts vollzieht sich ohne begleitende Zeichen, man muss sie nur mit allen Sinnen zur Kenntnis nehmen. Man sollte sich nicht täuschen lassen durch die vieltausendfachen jährlichen Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt, auch das Gutenbergzeitalter hat keinen Anspruch auf ewiges Leben. Unaufhaltsame Digitalisierung und vielfältige neue Techniken des Informationszeitalters gehen mit dieser sich anbahnenden Zeitenwende einher. Im Gleichschritt dazu wandelt sich der sehr flexible Mensch: zunehmende allgemeine Leseunlust  paart sich mit der neuen Art, Informationen zu suchen und aufzunehmen, sich zu bilden und Spiel, Spaß und Spannung zu genießen.

Wobei aber derartige Veränderungen, auch sehr große, nie abrupt erfolgen, so dass das Bisherige eines Tages völlig tot oder verschwunden ist. Das Neue kommt auf leisen Sohlen in die Welt, schleicht sich sozusagen ein, dringt in die laufende “Strömung” ein, vermischt, vermengt sich und bildet damit wieder etwas Neuartiges. 

Nun also “Hybrid Bücher”: In unsere geliebten, deckelgesicherten Buchblöcke dringen die modernen, lauten Medien ein. Eingesprengselt werden Videoclips, die erläuternd oder filmisch aufbereitet, uns einzelne Buchszenen, -teile  visuell näher bringen. Sie haben bereits auch einen neuen Namen: VOOKS!

Wahrscheinlich ist die Zeit nicht fern, wo “Lese”-Bücher und “Hör”-Bücher vereinigt werden, und wir mit einem “Stück Buch” die Wahl haben, ob wir ein Kapitel lesen oder lieber hören wollen. Der nächste Schritt wäre dann noch zusätzlich die Einspiegelung von Video-Clips, die uns bestimmte Szenen, Buchabschnitte von Schauspielern professionell offerieren oder wo wir den Autor selbst sein Werk lesen oder erläutern lassen können. Überwiegend ist der Mensch visuell ausgerichtet. Die Erfolge von Youtube und Flickr zeugen davon. Er ist ein Bildergucker; das geht auch schneller ins Gehirn und es bleibt in der Regel mehr dort haften.
(Die Antiquare sollten vermehrt Kunst- und Fotobücher in ihre Angebote aufnehmen. :-)

Manche werden sich wundern, warum gerade ich als Antiquar diese Zeilen schreibe.
…Ja, vielleicht gerade deshalb. …und auch im Bewusstsein, dass man zu einer Gattung gehört, die sich irgendwie zu etwas Exotischem entwickelt, sollte man sich nicht den Blick verstellen lassen vor der spannenden, vielfältigen Wandlungsmöglichkeit unserer Welt. 
Exotisch deshalb: Wo sind die echten Briefschreiber heute? Bald werden die wenigen auch ausgestorben sein. Auch das Briefmarkensammeln ist doch etwas aus der Mode gekommen. 
Vielleicht heißt es mal “Wo sind noch echte Bücherleser?” oder gar: … Sammler von Büchern der “guten (-bergschen) alten Art”?