Mit ‘Hybrid Bücher’ getaggte Artikel

Neue Formen des Lesens: VOOKS

Dienstag, 13. Oktober 2009

Aus alter Verbundenheit zur süddeutschen Heimat lese ich, sozusagen als zweite Tageszeitung, regelmäßig auch die Süddeutsche Zeitung. Besonders gerne auch die Montagsausgabe, da sie eine Beilage mit Artikeln der New York Times bietet. Zum einen sorgt diese Beilage dafür, dass meine englischen Sprachkenntnisse nicht verloren gehen, zum anderen sind viele der ausgesuchten Artikel sehr lesenswert und spiegeln die Entwicklungen in den USA nach Europa.
In der gestrigen Ausgabe, passend zu  dem Beginn der Frankfurter Buchmesse, war über die Neudefinition des Lesens mit “Hybrid Büchern” zu lesen.  

Das Buch, das seit 500 Jahren keine wirklich grundlegende Veränderung in Rezeptur, Herstellung, Aufmachung und Nutzung erfahren hat, erlebt gerade in unseren Tagen doch einen riesigen “Evolutionsschub”. Und wie in der Evolution in der Natur erfolgen Veränderungen weder streng linear, noch oberflächlich rational und transparent verständlich.
Es gibt hin und wieder evolutionäre Sprünge, viele unterschiedliche, mögliche Entwicklungszweige werden probiert, weiterverfolgt oder kurz darauf wieder eingestellt. Die Entwicklung selbst erfolgt nie abgeschottet aus sich allein heraus, sondern im ständigen Abgleich mit der Umgebung, die damit ebenfalls die Entwicklungsrichtungen und deren Tempo beeinflusst.

Lange Zeit habe ich mich auch gegen die Vision vom Sterben des Buches, wie wir es kennen und lieben, gewehrt. Wollte diese Entwicklungen nicht wahrhaben und saugte gierig die gegenteiligen Erläuterungen der Experten (Verleger, Buchhändler, Antiquare, Autoren und auch Leser) und Freunde und Bekannten auf, die darauf hinausliefen, dass das Buch Bestand haben wird, weil es in seiner materiellen Form vollendet sei und durch nichts zu ersetzen. Doch zunehmend spüre und ahne ich, dass wir uns selbst täuschen, uns was vormachen, es einfach nicht wahrhaben wollen und daher wegschauen. Es fehlt uns der klare Blick und die innerliche Akzeptanz, dass die immer schneller sich vollziehenden  und auch komplexer werdenden Veränderungen in der Welt nicht Halt machen vor bestimmten Lebensbereichen oder einen aussparenden Bogen um das Buch und die Art des Lesens  ziehen.
Nichts vollzieht sich ohne begleitende Zeichen, man muss sie nur mit allen Sinnen zur Kenntnis nehmen. Man sollte sich nicht täuschen lassen durch die vieltausendfachen jährlichen Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt, auch das Gutenbergzeitalter hat keinen Anspruch auf ewiges Leben. Unaufhaltsame Digitalisierung und vielfältige neue Techniken des Informationszeitalters gehen mit dieser sich anbahnenden Zeitenwende einher. Im Gleichschritt dazu wandelt sich der sehr flexible Mensch: zunehmende allgemeine Leseunlust  paart sich mit der neuen Art, Informationen zu suchen und aufzunehmen, sich zu bilden und Spiel, Spaß und Spannung zu genießen.

Wobei aber derartige Veränderungen, auch sehr große, nie abrupt erfolgen, so dass das Bisherige eines Tages völlig tot oder verschwunden ist. Das Neue kommt auf leisen Sohlen in die Welt, schleicht sich sozusagen ein, dringt in die laufende “Strömung” ein, vermischt, vermengt sich und bildet damit wieder etwas Neuartiges. 

Nun also “Hybrid Bücher”: In unsere geliebten, deckelgesicherten Buchblöcke dringen die modernen, lauten Medien ein. Eingesprengselt werden Videoclips, die erläuternd oder filmisch aufbereitet, uns einzelne Buchszenen, -teile  visuell näher bringen. Sie haben bereits auch einen neuen Namen: VOOKS!

Wahrscheinlich ist die Zeit nicht fern, wo “Lese”-Bücher und “Hör”-Bücher vereinigt werden, und wir mit einem “Stück Buch” die Wahl haben, ob wir ein Kapitel lesen oder lieber hören wollen. Der nächste Schritt wäre dann noch zusätzlich die Einspiegelung von Video-Clips, die uns bestimmte Szenen, Buchabschnitte von Schauspielern professionell offerieren oder wo wir den Autor selbst sein Werk lesen oder erläutern lassen können. Überwiegend ist der Mensch visuell ausgerichtet. Die Erfolge von Youtube und Flickr zeugen davon. Er ist ein Bildergucker; das geht auch schneller ins Gehirn und es bleibt in der Regel mehr dort haften.
(Die Antiquare sollten vermehrt Kunst- und Fotobücher in ihre Angebote aufnehmen. :-)

Manche werden sich wundern, warum gerade ich als Antiquar diese Zeilen schreibe.
…Ja, vielleicht gerade deshalb. …und auch im Bewusstsein, dass man zu einer Gattung gehört, die sich irgendwie zu etwas Exotischem entwickelt, sollte man sich nicht den Blick verstellen lassen vor der spannenden, vielfältigen Wandlungsmöglichkeit unserer Welt. 
Exotisch deshalb: Wo sind die echten Briefschreiber heute? Bald werden die wenigen auch ausgestorben sein. Auch das Briefmarkensammeln ist doch etwas aus der Mode gekommen. 
Vielleicht heißt es mal “Wo sind noch echte Bücherleser?” oder gar: … Sammler von Büchern der “guten (-bergschen) alten Art”?