Mit ‘Kleine Welt’ getaggte Artikel

Eine Lanze für Einstein, Xing, und die Antiquariatsgruppe oder auch Schöne Neue “Kleine Welt”

Sonntag, 08. Februar 2009

Eigentlich hatte ich für heute ein anderes Thema im Kopf, aber die aktuellen Ereignisse dieser Woche haben die Prioritäten gewandelt.

Da wurde doch zu Wochenanfang unsere blutjunge Antiquariatsgruppe bei XING vom renommierten Börsenblatt entdeckt -heureka-und spendierte einen neutralen 8-Zeiler.
Doch bereits einen Tag später setzte eine wüste Kommentartirade eines Herrn M. ein. Mir blieb wie vielen anderen im ersten Moment die Spucke weg, die man hierfür eigentlich gut hätte gebrauchen können. Unbedacht sammelte ich schon meine verbalen Lanzen zusammen, um sie in diese Schreibarena auf der BöBla-Seite zu werfen. Gemach, gemach - die Beiträge in unserem Forum klärten mich blitzschnell über Hintergründe und Person des Herrn M. auf. Krönung und Haltepunkt war dann ein Link-Hinweis auf die machtvolle Stellungnahme des Chefredakteurs des BöBla gegen die Person, ja… Fall P.M. aus 2007. Nun war alles klar, nicht Empörung mit Rede-Gegenrede-Eskalation war angesagt, sondern vielmehr, tja…Mitleid?
Also nicht mitgackern! Letztendlich bin ich nicht Laie genug, um da mitsprechen/-schreiben zu können. Ich begnüge mich mit dem feinen, vielfach verwendbarem Zitat von Albert Einstein: “Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit. Aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht so sicher!
Apropos Einstein: Naturwissenschaften und zugehörige Geschichte sind ein interessantes und vielfältiges Sammelgebiet mit attraktiver Antiquariatsware. Habe selbst vor ein paar Wochen die Erstausgabe (Querido-Verlag 1932) von Einsteins Mein Weltbild im unteren dreistelligen Bereich verkauft. Leider ehe ich es zu Ende gelesen hatte. Gottseidank gibt es ja jede Menge Neuauflagen dank Einsteinjahr als Leseexemplare gut geeignet.
Das einzige für mich ungelöste verbleibende Rätsel bei dem BöBla-Thema ist die Frage “Wie hat er es geschafft, nach dem offiziellen Rauswurf mit Schreibverbot sich wieder produzieren zu können?” BöBla macht ihn damit zum echten Wiederschreiber, Wiedergänger (Hinweis: in der phantastischen Literatur wird auch vielfach auf die reale Existenz von Zombies gepocht).

Damit mags nun genug sein, eh schon zu viele Zeilen für diese Angelegenheit vergeudet!

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Ich habe hier einen Strich gezogen, um klar zu verdeutlichen, dass die Eingangssequenz zu Ende ist und alles nachfolgende absolut nichts mit dieser zu tun hat. Nicht dass jemand auf solch abstruse Gedanken kommt.

Viele halten starken Gehirnphantomschmerz für ein reales Leiden. Hirndiebstahl soll ja vorkommen! Die bekannteste Verfilmung einer solchen seltenen Entleerung soll Spock vom Raumschiff Enterprise getroffen haben. Das folgende geistige Nichts konnte nur mit einer ausgeklügelten Fernbedienung überbrückt werden. (Soweit mein appetitanregendes Aufmacherzitat für den Abschnitt zu D. Hofstädter weiter unten, gelesen bei “Hirndiebstahl im Sparadies“).

Zunächst zu XING (Lanze brechen, nicht…) :
ich bin erst seit ein paar Wochen bei dieser “Social Community” und schon hat es mich gepackt und hält mich fast suchterregend bei der Stange. So ähnlich empfinden sicher viele. Woher kommt diese Wirkung? Welche Zauber-Mixtur ist da am Werke?
Für mich habe ich einige Antworten gefunden, die vielleicht nicht für alle offensichtlich sind:
Bei näherer Betrachtung einer Profilseite fällt ein kleines Hinweiskästchen ins Auge, das life die Anzahl der aktuell bestehenden Kontakte und Kontakt-Kontakte bis zum dritten Grad darstellt. Bei meinen derzeitigen bescheidenen 32 Direktkontakten werden für diesen 3. Grad 870.270 Kontakte ausgewiesen. Eine phantastische Anzahl. Durch einige wenige zusätzliche Kontakte wird die 1.000.000 geknackt werden, mehr als ein Siebtel des kompletten Xing-Netzwerkes! Das ist “Kleine Welt” pur und life.

Kleine Welt” ist die deutsche Bezeichnung für ein erst in den letzten Jahren stärker ins Interessenfeld der Sozialwissenschaftler geratenes Phänomen. Vor einigen Jahren las ich erstmals davon in einem Zeitartikel, und seitdem ließ es mich nicht mehr los. Kurz gefasst geht es um die Hypothese, dass jeder über eine Kontaktkette von maximal sechs Kontaktkettengliedern jeden kennt. Weltweit, über alle Grenzen hinweg, bei den Milliarden von Menschen. Näheres zu dem “Kleine Welt”-Phänomen siehe auch denWikipedia-Artikel. Die Amerikaner nennen dies vielfach auch SIX DEGREES of SEPARATION. Es gibt eine ganze Reihe von empfehlenswerten Büchern zur Vertiefung: siehe AMAZON-Extrakt.
Besonders hervorzuheben: Six Degrees: The Science of a Connected Age von Duncan J. Watts.

Wie dem Wikipedia-Artikel zu entnehmen ist, war der erste, der dieses Phänomen als Hypothese aufstellte Stanley Milgram, und das bereits 1967! Erst im 21. Jahrhundert begannen die Wissenschaftler,  sich damit tiefgehender auseinanderzusetzen. Selbst eine Microsoft-Projektgruppe hat sich angeblich damit beschäftigt und… die Richtigkeit nachgewiesen.
Innerhalb XING nun, kann jedes Mitglied das Phänomen life miterleben und sehen, dass es funktioniert. Zusätzlich zu der Kontaktkettenstatistik  auf der Profilseite wird bei jedem Anklicken eines Mitglieds oben die Kontaktkette angezeigt; und siehe da…  sie ist in der Regel nicht länger als 6 degrees! Dies funktioniert auch, wenn man sich per Zufall irgendein Mitglied aussucht (man muss natürlich selber eine gewisse Anzahl an Direktkontakten geschlossen haben). Ein Faszinosum, und wir können life als Mitwirkende dabei sein bei dieser brandaktuellen Netzwerkwissenschaft! Life as a six pack!

Noch besser -sprich mit weniger degrees- funktioniert die Geschichte bei Subgruppen, z.B. Schauspieler, Finanzer oder eben Antiquare und deren “Blutsverwandte” wie Büchersammler, Verleger, etc. D.h. innerhalb dieser Gruppe kennt man sich meist über weniger als sechs Ecken, hier reichen vielleicht fünf oder vier. Ich gehe daher davon aus, dass wir bei unserer aktuellen Mitgliederzahl von knapp 170 wahrscheinlich schon komplett den europäischen Raum an Antiquaren etc. abdecken.

Dieser Stanley Milgram  hat übrigens noch andere spannende Themen aufgeworfen. So war er es, der auch in diesen frühen 60er Jahren das sogenannte Aufseher-Gefangenen Experiment erfunden und mit Studenten durchgeführt hat. Das soziologische Experiment musste vorzeitig abgebrochen werden, da die Studenten sich zu sehr mit Ihren Rollen zu identifzieren begannen und aus dem Spiel sehr rasch blutiger Ernst wurde. Die Wärter maltraitierten die Gefangenen zu sehr. Übrigens erst jüngst verfilmt mit Moritz Bleibtreu. Oder doch besser Schwarz auf Weiß?

Was mir an der Antiquariatsgruppe bei XING auch sehr gefällt ist die aktive und ungezwungene Art der meisten Mitglieder. Man spürt, dass jeder gewisse Erwartungen hat, aber auch sich gerne einbringen möchte. Gewaltig erahnbar die immense Kompetenz, die sich hier zusammenbraut. Dies führt zu dem neuen, modernen, vielbeschworenen  Begriff der “Schwarmintelligenz“. Ja, ich bin überzeugt davon:  hier beginnt sich so etwas zu manifestieren, und alle können es fühlen.

Was bei XING und ihren Interessengruppen entsteht und so anziehend sich entwickelt, hat meines Erachtens eine grundlegende Ursache: Seele, Geist, Bewusstsein “haben mehr Auslauf“!
Denn Seele, Geist sind nicht eingeschlossen und beschränkt auf den eigenen Corpus, sondern können sich verbreiten auf andere. Meine Worte und Darstellungen dazu sind sicher unzureichend. Lest einfach hierzu Douglas Hofstadters Buch:  Ich bin eine seltsame Schleife (meine aktuelle Lektüre). Ein wunderbares Buch! Und Hofstadter ist alles andere als ein esoterischer Schreiberling. Er führt gedanklich die Philosophie zu neuen Ufern und zeigt auf, wie Geistes- und Naturwissenschaft konvergieren, und dies zu Recht. Beim Namen  Hofstadter dämmerts vielen: Jaja Gödel, Escher, Bach, das Kultbuch aus den 80ern.

Und doch… bei aller Euphorie für die tollen Sachen, die sich bei XING und ihren Interessengruppen zusammenfügen, man muss dennoch auf der Hut sein! Wo sich mit großen Zuwachsraten Menschen zusammenfinden, werden auch welche dabei sein, die nicht am Paradiespuzzle mit bauen; der Teufel ist da zur Stelle, wo sich die Guten zusammenfinden. Wenn man sensibel die Forenbeiträge screent, spürt man diese Gefahr. Da gibt es neue Mitglieder, die so weit es nur geht, ihre Anonymität bewahren wollen (Mitglieder, die kein Bild von sich einstellen, erhalten von der Software XING einen Schattenausriß, der für mich fast bedrohlich wirkt; sieht aus wie bei vielen Fahndungsfotos, wenn es keine aktuellen Bilder gibt; die Profilbeschreibungen können soweit reduziert sein, dass sich überhaupt keine Spur ins reale Leben ziehen lässt).
Oder es gibt seltene, scharfzüngige Diskussionsbeiträge, meist von solchen sich selbst anonymisierenden Mitgliedern, durch die man plötzlich aufgerüttelt wird (Hoppla, was soll das denn?).
Oder, es tritt plötzlich einer/eine mit einem Beitrag auf, und man stellt fest, dass er weder Mitglied der Gruppe, ja nicht einmal Mitglied von XING ist??? Ist er ein Spion/Aufseher von XING, der nur darauf achtet, dass in der Gruppe alles ok läuft? Ist er ein Hacker, um die Aktivitäten der Gruppe von außerhalb mitzubekommen? Trägt er Infos weiter zu Herrn M. oder anderen Gruppierungen, die uns nicht wohlgesonnen sind?

Oder seh ich nur einfach zu viele Gespenster: die “Bildverweigerer” haben einfach im Moment kein Bild zur Hand, das sie für gut genug erachten, die Vita wird einfach erst später beschrieben und veröffentlicht und viele wissen einfach nicht, dass man beim Bloggen oder Chatten ganz besonders auf seine Schreibe achten muss, da vieles aggressiver klingt als gemeint.

Auf jeden Fall sensibel bleiben!
Und… wir haben noch eine Trumpfkarte: Unseren sehr guten, aktiven und souveränen Gruppenmoderator, 
Philipp Weinbrenner. Er wird allem Rechnung tragen und für eine positive Weiterentwicklung der Gruppe sorgen, soviel steht fest.

Passende Lektüreempfehlung zum Schluss: Klassiker, die immer wieder aufgelegt werden:

George Orwell: 1984 (ein First Edition Exemplar wird zu 1.250 Pfund katalogisiert).
….und natürlich
Schöne Neue Welt von A. Huxley 
 (First Edition lt. Preiskatalog zu 2.500 Pfund).

Das sind zwei Bücher, die man immer wieder lesen kann, ja… sollte! Und noch etwas: es macht überaus viel Spaß, manche Bücher in der Originalsprache zu lesen. Oft sind die Übersetzungen ja auch nicht das Gelbe vom Ei, und die Originalworte des Autors viel überzeugender. Einfach mal ausprobieren. Vielleicht mit 
Brave New World!

Rudolf Angeli
ANGELIBRI
 http://www.buchsalon-angelibri.de/