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Antiquar und Internet - Neuer Service bei ANGELIBRI

Mittwoch, 27. Januar 2010

Vor kurzem stieß ich auf die Web-Seite von KIRTASBOOKS. Dort werden digitalisierte Bücher angeboten, aber nicht die viel diskutierten e-books für die modernen Lesebuch-Ersatzgeräte wie Kindle etc, sondern ausschließlich antiquarische, rare Bücher. Auf den ersten Blick und bei der andauernden Diskussion um Googles Projekt der Komplettdigitalisierung aller Bücher dieser Welt eigentlich auch nichts aufregend Neues. Aber …

Plötzlich tritt auf diesem Sektor eine neue Company auf, die im Grunde gleiches oder ähnliches macht wie Google. Es traut sich jemand auf ein Geschäftsfeld, das bisher monopolistisch von Google beackert wurde. Und welch ein Auftritt! Diese Digitalisierung ist in ein sehr attraktives Geschäftsmodell eingebettet, das allen Beteiligten Spaß und Erfolg einbringen wird:

- Man kann dort rare, antiquarische Bücher zur Digitalisierung in Auftrag geben!   Und erhält für ein Spottgeld (ab $1,95) eine digitale Datei des Buches.
- Da man nicht immer und alles nur am kleinen Notebook Bildschirm lesen will, bietet KIRTASBOOKS gleich mit an, aus der digi-Datei wieder ein schönes, frisches, blätterfähiges, badewannenlesefähiges Exemplar zu drucken. Für den kleinen Geldbeutel als Broschur (10 - 20 Dollar) und für die Anspruchsvolleren mit harten Deckeln (ca. 30  Dollar)!

So weit ist Google noch nicht; dort wurde zwar jede Menge gescannt, aber ein neuer Druck, wieder zurück zu den Buchstaben auf Papier, ist bei Google noch in der Planungsphase und auf der todo-Liste.

Unbedingt wollte ich diese Angebote mal testen, denn jeder deutsche Traditions-Antiquar fragt sich ja erstmal “Was soll’s?  Wozu? Wer braucht’s?” Oder hält es überhaupt jenseits aller Antiquariatswürde sich mit Fakes äh.. Faksimiles abzugeben.
Nach einigen Überlegungen und auch konkreten Tests kann ich nur sagen, die Digitalisierung nimmt zunehmend an Beschleunigung auf und keineswegs zum Schaden der Antiquare, wenn sie nur bereit sind, den Wandel mitzugehen und alte Paradigmen gegen neu aufkommende einzutauschen.

Zu den Testbeispielen direkt aus meiner Praxis:
Beispiel 1: seit einigen Monaten suche ich für eine Kundin in England ein bestimmtes deutsches Buch von 1907; es handelt sich um ein juristisches Grundlagenbuch, das sehr selten auf dem Markt ist und derzeit gar nicht zu finden. Die Suchmaschine bei KIRTASBOOKS warf mir das gesuchte Buch sekundenschnell als bestellbar aus. Es steht also in einer oder mehreren der mit KIRTASBOOKS liierten Bibliotheken und kann digitalisiert werden. Die Rückfrage bei meiner Kundin bescherte mir zwar die Antwort, dass sie eigentlich lieber das gesuchte Original haben möchte, aber da die Suche ja, wofür sie Verständnis hat, noch ‘ne Weile dauern kann, orderte sie additiv zwei gebundene Digi-Ausgaben. Gesagt, getan.

Beispiel 2: für eine schwedische Kundin suche ich seit mehr als zwei Jahren ein English-Herero dictionary von Kolbe aus dem Jahre 1893, Südafrika. Leider wurde ich zunächst über die Suchmaschine bei KIRTASBOOKS nicht fündig. Nicht im Angebotsbestand ihrer Datenbank. Ich ließ mich aber nicht entmutigen. Über Worldcat stellte ich fest, dass die New York Public Library wohl ein Exemplar auf ihren Regalen stehen hat. Und diese NYPL war gerade jüngst ein enger Partner von KIRTASBOOKS geworden und steuert sehr viele Original-Quellen zum Digitalisieren bei. Erfreut nach diesen gute Laune machenden Erkenntnissen nahm ich Kontakt mit KIRTASBOOKS auf und bat freundlich um Unterstützung und Prüfung auf Digitalisierbarkeit des Herero dictionary. Binnen 48 Stunden erhielt ich die Nachricht, dass das Buch bei NYPL zum Digitalisieren beauftragt wurde…

Es bedarf nur wenig Phantasie, zu verspüren wo die Reise hingeht, und sich auszumalen, wie sich unsere Bücherwelt verändern wird. Und zwar für Lesende, Antiquariate und Bibliotheken. Die Nachfrage nach neuen, preiswerten Faksimile-Drucken alter, rarer, vergriffener Bücher wird bald zu steigen beginnen. Insbesondere bei Fach- und Sachbüchern aller Kategorien, bei denen sich die Leserschaft eher für den Inhalt des Werkes interessiert und erst in zweiter Linie für die “Schönheit des Buches” an sich, dürften solche neuen zusätzlichen Angebote auf fruchtbaren Boden fallen. Auch könnte ich mir gut vorstellen, dass die vielzähligen Bibliotheken selbst sich über diesen Weg fehlende Titel besorgen, um sie für ihr lokales Lesepublikum parat zu halten; ja selbst für vorhandene Originalbestände wäre ein additives (digital nachgedrucktes) Exemplar für die Fernausleihe und den Lesesaal eine positive Ergänzung.  Originale werden geschont und müssen nicht so  häufig kostenträchtig restauriert werden.

Welch eine wunderbare Welt tut sich da auf! Und sie ist real! In kürzester Zeit werden diese innovativen Handlungsmöglichkeiten bisher als unerfüllbar geltende Wünsche Wirklichkeit werden lassen.  Die Vision von B. Gates “Information on your fingertips” findet hier Fortsetzung und Ausweitung: denn die Information, die als schwer erreichbar in einer entfernten Bibliothek “gefangen” war,  gelangt über eine kurzfristige Digitalisierung wieder “materialisiert” zu mir nach Hause ! Die Bibliotheken öffnen ihre Tore und lassen ihre tausendfachen Schätze nicht nur anfassen, sondern ermöglichen uns auch Kopien für zuhause. Die neuzeitlichen alexandrinischen Schätze lassen sich heben!

Sorry, wenn ich etwas ins Schwelgen geraten bin, aber ich habe nie das Staunen, Wundern und Bewundern vergessen bzw. verlernt. Und bei den heute möglichen Prozessen, kann man wirklich nur Staunen über die sich darbietenden und nutzbaren Entwicklungen:

Da sitze ich in meiner guten Stube, draußen lässt der überraschend kalte Winter nach mehr als 10 Jahren die Alster begehbar zufrieren, ich möchte also jegliche unnötige Schritte nach draussen vermeiden, und grüble wie und woher ich ein bestimmtes Buch besorgen kann. Meine bisherigen, etwas länger währenden  Markt- und Feldversuche verliefen alle ergebnislos. Doch über meine Connect-to-the-world-machine stelle ich minutenschnell fest, dass das Gesuchte irgendwo in der New Yorker Public Library im Regal oder in einer Archivkiste sich befindet. Über diesen Fund informiere ich einen “Buchmenschen (Vorname Todd)” in Pennsylvania. Todd setzt sich mit der NYPL in Verbindung klärt  die gewünschten Möglichkeiten ab und ordert eine Digitalisierung. In New York wird ein Angestellter der library in Bewegung gesetzt, er holt das Buch aus dem Regal und legt es auf die schnelle Scan-Maschine und schickt die Datei anschließend nach Pennsylvania. Dort wird das Buch kostengünstig als Einzelexemplar gedruckt und der alten snailpost gegeben. … Und 4 Wochen nach dem kalten Wintertag klingelt der Postbote und reicht mir ein kleines Päckchen aus USA.

Wen da nicht ein freudiger Staunensschauer überfällt, dem ist nicht zu helfen.

Einigen Antiquariatskollegen, die sich jetzt vielleicht aus anderen Gründen schaudernd wegdrehen wollen, möchte ich nur zurufen “so wird, nein so ist die neue Gutenberg-Welt. Und sie ist schön so, denn sie zerstört nicht die alte, sondern ergänzt sie und bereichert sie; wir müssen uns nur auf sie einlassen.

ANGELIBRI hat zwischenzeitlich seinen Service erweitert und ist affiliate partner von KIRTASBOOKS

ALI

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