Mit ‘Poe’ getaggte Artikel

Antiquar in Twitterland

Montag, 20. April 2009

Hinauf in das Vogelnest

Während meiner Aufenthalte in Xinglandia auf dem neu entdeckten Kontinent Web2.0 wurde ich durch meine “Antiquariatsgeschwister” auf einen weißen Vogel aufmerksam, dem ich schließlich neugierig in sein Nest folgte. Es ist erst wenige Wochen her und ich frage mich, wie ich da je wieder herauskomme, so traumartig und bizarr ist diese Welt hinter meinem Screen, eine Art Mischung außerkörperlicher Erlebniswelt und quantenmechanischer Seelenverschränkung.
Fühle mich zuweilen wie James Steward im Fenster zum Hof, der hineinblicken kann in die oft weitgeöffneten laden- und vorhanglosen Fenster der anderen, teilhat an den alltäglichen Verrichtungen, ihren Ansichten und Lebensweisen, der ihren Tagesrhythmus erfährt, aber auch ihre kleinen Sorgen, Nöte oder Missgeschicke und sie begleitet auf weiten Reisen oder auch nur beim Gang zur Post.
In diesen ersten Wochen beschränke ich mich meist auf Schauen, Lesen, Lernen, Staunen. Es gibt so viele “Fenster”, in die man spähen kann! Neben den bereits Bekannten, Freunden und Verwandten bieten sich unzählbar Fremde und auch Prominente zum “Folgen” an. Die Auswahl über die Suche oder den knappen Schaufenster-Profilen fällt oft schwer, so lass ich mich beim Vorstoß auf unbekanntes neues Terrain oft durch den Zufall leiten fast wie 
The Dice Man”  in Luke Rhineharts kultigem Roman.
Neugierig folge ich David Lynch, dem Regisseur eigenartig surrealer Filme, auf seinen Reisestationen über Moskau, Kiew, München und Paris; stelle freudig fest, dass auch John Cleese (s. Monty Python und “Ein Fisch namens Wanda”) still alive  ist und nehme ihn auf meine Follower-me-Liste.
Wer will, kann auch den publikumsträchtigen tweets  des neuen amerikanischen Präsidenten Obama folgen, muss sich jedoch hüten vor fakes und falschen Atavaren.
Twitterland ist seltsam grenzen- und zeitlos; es ist auch das Land, wo die toten Dichter wieder zum Leben erwachen und 140-zeichen-begrenzt mitzwitschern. Man folgt den tweets von Poe und Lovecraft oder Kafka in Prag.
Die Gleichzeitigkeit und Raumlosigkeit in Twitterland verschaffen den Gerüchten, Wort- und Bildnachrichten den eindeutigen Sieg über andere Medienkanäle. Diese Gleichzeitigkeit des ErLebens ist es auch, die mich an Stanislaw Lems beeindruckende Buchrezension des nicht existierenden Bibliotheksbandes “Eine Minute der Menschheit” der fiktiven Autoren J. Johnson  und S. Johnson erinnert; auch Philipp K. Dick hat in einigen Stories ähnliche  Parallelerlebniswelten bereits vor Jahrzehnten vorempfunden und sie zum Thema seiner phantastischen Erzählungen gemacht. Über beide Autoren wird noch zu berichten sein.  
Science Fiction und Phantastik haben mich seit meiner Jugend gefesselt und bestimmten einen Großteil meines Literaturkonsums; in den letzten Jahren ließ dies nach. Der Grund wird immer klarer: absolut nichts ist phantastischer als die Wirklichkeit! Man sperre Augen und Ohren weit auf, und der Hunger nach dem Sonderbaren, Exzeptionellem, Fesselndem, Phantastischem wird rasch und doch nie vollends gestillt werden.
Die neue Beziehungsform in Twitterland ist nicht unumstritten. Wie jeder neue Hype unserer modernen Welt spaltet dieser Kommunikationskanal weltweit die Gesellschaft. Der Großteil nimmt ihn gar nicht zur Kenntnis, ein anderer großer Teil ist von exorbitanter Skepsis beseelt. Natürlich sind auch Wissenschaftsvertreter nicht fern, die klare Gesundheitsbedrohungen erkennen. Der Informationsoverkill, diese permanente Kakophonie  an menschlichen Geistesblitzen und –furzen (gottseidank nur 140 Zeichen lang) sei schädlich, ja unerträglich fürs Gehirn. TILT!
Dass aber ausgerechnet die Büchermenschen, die Antiquare sich vermehrt im Web2.0 bei Xing, Facebook, ihren eigenen Blogs und auch in Twitterland tummeln (s.- Boersenblatt-Beitrag), ist doch erwähnens- und bestaunenswert; zwar wird Sinn und Zweck und Ziel eifrigst diskutiert und hinterfragt, betrachtet man ihre Homepages und Blogs, so wird bei den meisten klar, sie meinen‘s ernst, sie wollen und werden die virtuelle Welt erobern. Die vielfach erkennbare Professionalität und gestalterische Liebe ist beispielgebend. Und nun erobern sie auch Twitterland. ….Poesie zieht ein und mischt sich mit Banalem.
Und ich? Wie ist mein Verhältnis zum neuen, unbekanntem Land? Nun, ich freue mich morgens, wenn der Tag erwacht ist und die Vögel in unserem Garten ihre Lieder angestimmt haben, dass auch Twitterland erwacht und aus allen Teilen Deutschlands, Schweiz und Österreichs ein fröhliches Guten Morgen erklingt, denn irgendwie sind mir einige Twittervögel auf eine ganz seltsame Art vertraut geworden und ich möchte sie nicht missen.
Warum mir allerdings der 1996 verstorbene
Timothy Leary seit gestern folgt, gibt mir Rätsel auf.

Rudolf Angeli
AngeLibri in Twitterland
Buchsalon-Angelibri 

 

Jetzt lauschen sie vom Zauberland
    Der wunderbaren Mähr’;
    Mit Thier und Vogel sind sie bald   
    In freundlichem Verkehr,
    Und fühlen sich so heimisch dort,
    Als ob es Wahrheit wär’. –

(Alice’s Adventure in Wonderland, Lewis Carroll)

Nachlese Buchmesse Leipzig 2009

Montag, 23. März 2009

Angefüllt mit vielen Eindrücken bin ich wieder zurück aus Leipzig. Die in letzter Sekunde gebuchte Hotelunterbringung (A&O am Hauptbahnhof) stellte sich zwar als jugendherbergsähnliche Schlafstätte mit karger Ausstattung und horrendem Messepreis heraus, wir (mein Freund Christian und ich) ließen uns davon aber nicht die Stimmung vermiesen. Bereits beim recht unterdurchschnittlichen Frühstück konnten wir erfrischende Kontakte knüpfen. So z. B. zu einer Professorin, die nach Leipzig gekommen war, um einen Vortrag über Pädagogik zu halten (den wir uns dann auch prompt auf der Messe anhörten) oder zu einem Buchhändlerehepaar, das sich über die neuesten Trends und Bücher informieren wollte.
Auf der Messe hörte ich u. a. T. C. Boyle, der sein neues Buch vorstellte.  Ich hatte zwar kein Buch von ihm zur Hand, besorgte mir dennoch eine Widmungssignatur.
Auch Daniel Kehlmann war da (wohl etwas traurig, da er als Nominierter für seinen neuen Roman Ruhm ebenso leer ausging wie viele andere).
Es blieb auch nicht aus, dass ich nach einigen Stöberstunden/ -runden an den Antiquariatsregalen diverse Male fündig wurde und zwei Taschen voll mit Neuerwerbungen (u. a. eine alte gebundene Poe - Reclam-Ausgabe, eine deutsche Erstausgabe von Daphne Du Mauriers Der Sündenbock, einige Sachbücher zu Mexico und einen Almanach des Dietrichs-Verlages) füllte. Traditionsgemäß kaufte ich mir auch den aktuellen Katalog der schönsten deutschen Bücher 2008 der Stiftung Buchkunst. 
Die Preisverleihungen durften wir innerhalb der sehr großen Publikumsansammlung miterleben. Ein Fernglas wäre wegen der großen Distanz zur Bühne sehr hilfreich gewesen. Außer Herfried Münklers “Die Deutschen und ihre Mythen” waren die vergebenen Preise für mich “nicht so ansprechend”.
Auch außerhalb der Messehallen und -zeiten hatte Leipzig viel für seine Gäste zu bieten. Sehr empfehlenswert ein Besuch incl. deftigem Abendessen in Auerbachs Keller. Man kann nachvollziehen, dass Goethe nicht nur einmal dort einkehrte und ihm in seinem Faust ein literarisches Denkmal setzte.
Den Freitagnachmittag verbrachte ich bei den Weinbrenners in Helmbrechts (Hof) und durfte ihr umfangreiches Antiquariat besichtigen. Wird nicht der letzte Besuch gewesen sein. Ihre fränkische Gastfreundschaft und das fränkische Spezialbier haben Spuren hinterlassen.
Kurz vor Messeschluß hatte ich noch eine Wiederbegegnung der besonderen Art: Bereits 2008 war ich am Stand der Kleinverlage einem älteren Ingenieur begegnet, der dort seine neuesten Büchlein präsentierte. Während einer  intensiven Unterhaltung hatte mich Herr U. Hartje von seinen bahnbrechenden neuen physikalischen Erkenntnissen zu überzeugen versucht. Ich muss gestehen, ich war sehr gefesselt, denn er beschreibt in seinen Büchern nicht mehr oder weniger als des Rätsels Lösung für die letzten Fragen der Kern-/ Quantenphysik, die er entdeckt zu haben glaubt.
Der letzte fehlende Baustein der Theoretischen Physik!
Ich hatte mir sein Buch 2008 gekauft und mit großem Interesse gelesen. U. Hartje hatte zwischenzeitlich auch bei diversen Physiker-Kongressen seine Theorie vortragen können. Ein sporadischer E-Mail-Verkehr hatte sich an das Zusammentreffen angeschlossen, bei dem ich ihn mit meinen Fragen gelöchert hatte. Dann brach der Briefverkehr etwas ab, und nun traf ich ihn also wieder. Der über 80jährige hat seine Theorie in seinem neu aufgelegten Buch etwas aktualisiert dargestellt (Universaltheorie / Spiralfeldtheorie).
Für Neugierige hier der Link zu seiner Homepage.
Bei den etablierten Physikern stößt er meist nur auf große Skepsis und Ablehnung. Die meisten sprechen von falschen Propheten und Möchtegern-Physikern. Ich meinerseits kann mir kein Urteil erlauben, da ich ja nur absoluter Laien-Interessierter bin. Nur… soweit ich seine Gedankengänge überhaupt verstehe… sie haben für mich einen sehr attraktiven Kern. Und wie oft ist es nicht schon in der Wissenschaftsgeschichte geschehen, dass große Ideen und dahinterstehende Genies zu ihren Lebzeiten verkannt oder abgelehnt wurden! Die Geschichte ist voll davon. So sollte die etablierte Wissenschaft aus ihrem Elfenbeinturm heraus durchaus zumindest die Möglichkeit, dass da was dran sein kann, nicht völlig ignorieren.
Er schenkte mir sein aktuelles Werk, zitterte noch eine Signatur ins Buch  und verabschiedete mich mit den Worten: “Sie haben hier was in Händen, was wahrscheinlich erst in 10 bis 20 Jahren, wenn ich schon längst unter der Erde bin, die Physik revolutionieren wird.”
Ich finde die Gespräche und den Gedankenaustausch mit ihm sehr anregend und bereichernd. Freue mich schon auf ein weiteres Zusammentreffen bei der nächsten Messe.
Die Tage und Nächte waren wieder viel zu kurz in Leipzig. Der Starttermin für 2010 steht schon fest: 18. März. Ohne Frage: Wir kommen! Christian bucht schon das Hotel!

Rudolf Angeli