Mit ‘Robert Redford’ getaggte Artikel

Brad Pitt und die Vielfalt des Büchersammelns

Sonntag, 22. Februar 2009

Mein Kinobesuch vor einigen Tagen war nicht primär ausgelöst durch die große Verehrung des um- und angejubelten Schauspielers Brad Pitt meinerseits oder seitens meiner Frau, sondern beruhte auf einer tieferliegenden Triebfeder:
Zum einen geht der Stoff des zeitlich sehr gedehnten Lichtspiels “Der seltsame Fall des Benjamin Button” auf eine gleichnamige Erzählung von Francis Scott Key Fitzgerald zurück. Scott hatte diese Novelle, “The Curios Case of Benjamin Button” , 1922 in dem frühen Erzählungsband “Tales of the Jazz Ageveröffentlicht.  F. Scott Fitzgerald gehört zu den stets immer wieder neu aufgelegten, renommierten amerikanischen Autoren der Jazz-Ära, der Zeit der großen Depression in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Unvergesslich sicher sein bekanntestes Werk Der große Gatsby (1925), ebenfalls mehrfach verfilmt. Am meisten dabei in Erinnerung die filmische Umsetzung von 1974, mit einem weiteren Frauenliebling in der Hauptrolle - Robert Redford - , auch an die Männer hat man gedacht: Partnerin war damals Mia Farrow, bei ”Bejamin Button”  Cate Blanchett.

Books into Film ist hier das Stichwort für die mit den bibliophilen Gehirnwindungen!
Es ist überaus vergnüglich, Filmstories nachzurecherchieren, die literarischen Vorlagen auszugraben und neu oder wiederholt den Erzählstoff über bedrucktes Papier aufzunehmen. Dabei lassen sich Vergleiche anstellen über Inhalte, Abläufe und qualitativem Ergebnis. Mitunter stößt man auf interessante, bisher unbekannte Autoren oder auf ungelesene, verborgen gebliebene Werke allseits bekannter Schriftsteller. Bei intensiver Beschäftigung dieser Art weckt es dann auch verstärkt den Wunsch, sich Bücher anzuschaffen, deren Leitideen Grundlage für berühmte Filme wurden. Oder man sammelt dann beides : Film und zugehörigen Roman oder Erzählung.
Im englischsprachigen Raum ist dieses Sammel-”Genre” schon sehr etabliert und verbreitet und hat eine große Anhängerschaft. Eine ganze Reihe von Handbüchern, Bibliographien unterstützen den Sammler dabei, sich den Appetit für seinen nächsten Bücherfressflash auf dem Weg ins  Antiquariat und/oder  die Buchhandlung zu holen.
Man kann sich dem Bundle Buch-Film auch von zwei Seiten her nähern: von der bekannten Prosa zum Film oder vom Oscar-preisgekrönten Film zu Werk und Autor (kleines Beispiel sei hier gestattet: CASABLANCA mit Humphrey Bogart kennt wohl jeder, aber wer kennt das zugrundeliegende Theaterstück: Everybody Comes to Rick’s  (sollte der link nicht mehr funktionieren, so ist das 4.000 € teure Script, angeboten bei Abebooks, verkauft), von  Murray Burnett und Joan Alison aus dem Jahr 1939; und vor allem, wer hat es in seinem Regal stehen?).
Hier eine Titelauswahl für die  eigene Sammler-Handbücherei:
Books into Film 

Kleine Auswahl herausragender (persönlicher) Beispiele, die ich gerne wiederlese und/oder deren Verfilmungen ich schätze :
Graham Greenes Roman “Der dritte Mann” , wunderbar verfilmt von und mit Orson Welles und Joseph Cotton
und
Daphne Du Mauriers Erzählungen “Die Vögel” und “Wenn Gondeln Trauer tragen” ,beide Verfilmungen wurden zu echten Klassikern: 
Hitchcocks Die Vögel und der wunderbare Venedig-Film mit Julie Christie und Donald Sutherland. 
Bei den genannten Beispielen waren die Ausgangspunkte die von mir hoch geschätzten Autoren (beide stehen auf meiner Liste der “Fehlentscheidungen des Nobelpreiskomitees” a. not awarded).
Der umgekehrte Weg für den Sammler funktioniert auch sehr gut (vom glänzenden Film zum Buch)  und bringt manche Überraschungen! 

Der “Benjamin Button“-Film hatte für mich noch einen speziellen Anreiz:
Die Grundstoryline, dass Benjamin unter einer einzigartigen “Krankheit” leidet, nämlich als alter Mann geboren zu werden, im Zeitverlauf anstatt zu altern immer jünger zu werden und dann als Baby jung zu sterben, ist faszinierend. Bei einem einzelnen (menschlichen) Wesen kehrt sich die Zeit um und läuft rückwärts -im Gegensatz zum Rest der Natur! Eine Storyidee, die typ- und genremässig genau mein Faible für SF und phantastische Literatur trifft, ebenso meine große Neigung, mich mit den grundlegenden Fragestellungen der Zeit (philosophisch und naturwissenschaftlich und deren Überschneidungen -auch ein schönes Thema) auseinanderzusetzen.
Und einen weiteren, eher persönlichen Bezug hat diese Geschichte: mittlerweile ist es nun doch nahezu dreißig Jahre her, dass ich einem lebenslangen Wunsch folgte und einen schriftstellerischen Erstversuch wagte.  Nein, keine Angst, es blieb bei dem Versuch, und es war der einzige. Gestoppt wurde ich 1981 durch einen ablehnenden Brief von Franz Rottensteiner, dem damaligen Herausgeber der wunderbaren Phantastischen Bibliothek bei Suhrkamp (Editiert wurden in knapp 25 Jahren rund 370 Titel in schöner lila-schwarzfarbener Taschenbuchausgabe mit Cover-Entwürfen von Willy Fleckhaus -wen’s interessiert, hier gibts eine Liste aller Titel).  
F. Rottensteiner teilte mir kurz und schmerzlos mit (mittels  Schreibmaschine):
Sehr geehrter Herr A., danke schön für Ihrer Erzählung. (kein Tippfehler, so schrieb er der Rottensteiner, der Österreicher) Ich habe sie gleich nach Erhalt gelesen, und wenn ich auch nicht behaupten will, dass sie ungeeignet ist, weist sie doch arge Schwächen vor allem in der Charakterisierung der Gestalten auf (z.B……). 
Die Sache an sich ist ja nicht neu, es gibt ähnliche Erzählungen von J.G. Ballard, J.L. Borges, Roger Zelazny und vor allem eine sehr schöne von Ilse Aichinger: sie alle sind besser durchgeführt.
Aber vielleicht interessiert man sich bei Heyne z.B. für diese Erzählung.
Es tut mir leid, blabla…
letzter Satz: “Sie sollten aber dennoch weiterschreiben!” 

Bei HEYNE !!!

Basisplot meines Phantastik-Versuches war die Geschichte eines alten Mannes, der sich begleitet von seiner ebenfalls greisen Frau ins Krankenhaus begibt, da bei ihm plötzlich eine Zeitumkehr stattgefunden hatte und er zunehmend verjüngte….

Einerseits erfüllte es mich mit ein wenig Stolz, dass der große Herausgeber, Phantastik-Experte, Stanislaw Lem-Entdecker und -Förderer und mittlerweile selbst Autor  mich mit diesen literarischen Majestäten verglich, andererseits war damit auch klar, ich würde mich wieder  aufs Lesen und Sammeln konzentrieren (das mit dem Antiquariatshandel kam später). Leider hat der gute Rottensteiner Fitzgerald nicht erwähnt und bei seiner Aufzählung auch die Titel nicht genannt.
Vielleicht kann ja einer der Leser dieser Zeilen mir mit den Titeln weiterhelfen. Zu gerne hätte ich sie auf meinem Bücherregal! Also bitte: kleine Mail oder Kommentar! 
An diesem Beispiel zeigt sich noch eine weitere, höchst unterhaltsame Sammelart, nämlich das Bücher-Sammeln bestimmter Motive. Grundstoffe, Ideen, die immer wieder von den unterschiedlichsten Autoren aufgegriffen werden und auch unterschiedlichst in ihren Werken verarbeitet werden. Vor ein paar Jahren erschien das Buch “Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli” von  Andrew Sean Greer  

Aus Amazons Produktbeschreibung:
“Tivolis Biografie hat eine Tragik, die nur die Literatur gebären und plausibel erzählen kann: Als Greis geboren, verjüngt sich sein Körper unaufhörlich. Am Anfang sitzt Tivoli deshalb mit der Weisheit eines alten Mannes im Sandkasten und blickt zurück auf ein Leben, das sich in eine Formel pressen lässt: „Jeder von uns ist die Liebe im Leben eines anderen“. Bei Max ist diese Liebe Alice, die er ein Leben lang begehrt. Jedoch ist er alt, als sie erst langsam erwachsen wird. Erst zur Hälfte des Lebens erhält ihre Liebe eine Chance — bevor sich ihre Wege durch zwei ungleich gepolte Lebensuhren wieder trennen müssen.“……

Literarische Stoffmotive ziehen sich durch die Geschichte. Dabei gibt es klassische Beispiele (ich sage nur FAUST) , aber auch höchst spannende aktuelle.

Doch dazu mal einen eigenen Beitrag. 

Ach ja, ob mir der Film gefallen hat? Nun, er war mir einen Tick zu lang, die Story ohne Frage super, die Umsetzung und eigene Adaption sehr gelungen, tolle Tricks, die Schauspieler sehr gut, hauptsächlich u.a. ein Liebesfilm, aber nicht zu schmalzig, also zusammengefasst: sehr empfehlenswert.
Man wird sehen zu welchem Ergebnis die Oscar-Jury kommt (So/Mo-Nacht), er ist schließlich für 13 Kategorien angemeldet/nominiert!!

Wer die Fitzgerald Erzählung schwarz auf weiß lesen will: es gibt eine brandneue Ausgabe des Diogenes Verlages (eines meiner Lieblings Verlage) mit ausschließlich dieser Erzählung. Wer als echter First Edition Sammler lieber zur Ausgabe von 1922 greift  muss für den Erzählungsband in guter Ausgabe schon locker fast 15.000 Euro hinlegen (bekommt aber ein signiertes Exemplar). Er wird jedenfalls einen deutlichen inhaltlichen Unterschied zum Film entdecken.

Auf jeden Fall viel Vergnügen, ob im Lichtspielhaus oder im Schmökersessel!

Rudolf Angeli

ANGELIBRI
Buchsalon ANGELIBRI  

P.S.: Wer mal sehen möchte, wie er in ein paar Jahren aussehen wird, kann ein Foto von sich auf diese Webseite laden und es einem Alterungsmorphing unterziehen lassen.