Mit ‘Sammler’ getaggte Artikel

Antiquariat und Internet (Teil 1)

Mittwoch, 08. April 2009

Ein echter Diskussions-Dauerbrenner in der Branche. Große Chancen oder Teufelszeug? Wie sieht die Zukunft des Antiquariatsgeschäfts aus? Hat das gute Buch, das alte Buch überhaupt Zukunft? Gibt es denn noch richtige Leser, Sammler und Bibliophile alten Schlages, die die Kultur und ihre wahren Güter hochhalten? Kann ein Antiquar ökonomisch überleben? Sterben seine bisherigen Zielgruppen aus ohne dass neue nachwachsen bzw. ausfindig gemacht werden können? Die Reihe der Fragen ist schier endlos. Wie wirken sich E-Commerce, Ebook, Blogs, Twitter und überhaupt die wachsende virtuelle Netzwelt aus? Über die richtigen Antworten und Prognosen wird heftig debattiert und schwadroniert,  die Wogen gehen tsunamiartig hoch.
Ich möchte an dieser Stelle nicht weiteres Öl auf dieselben gießen, sondern in lockerer, sporadischer Beitragsfolge Teilthemen beleuchten und Hinweise, Tipps, Anregungen geben, wie der “neumodische Kram” im wahrsten Sinn des Wortes behandelt werden kann. Die neue Welt hält vieles bereit und täglich kommt wunderbares dazu.
Man braucht nur ein paar Eigenschaften, um sich diese Welt zu erschließen:
Veränderungsbereitschaft, Aufgeschlossenheit und unstillbare Neugierde.
Hinweis:
 AMAZON: Von vielen geschmäht… und doch der größte virtuelle Marktplatz für Bücher, auch für gebrauchte/ antiquarische. Seitdem die großen Internet-”Kontinente” (AMAZON, GOOGLE und Co) ihre Millionen gespeicherten Bits and Bytes viel freizügiger zur Verfügung stellen, können neben den eigentlichen umfangreichen Basisdaten (Buchtitel und was sich alles darum rankt -Beschreibungen, Rezensionen, Listen, etc-  auch “versteckte” Informationen sichtbar gemacht werden.
Auf der site von Steve Weber findet sich eine sogenannte buyer’s waiting list für AMAZON.com, absteigend sortiert nach “Preisen” (Wertangabe des suchenden, willigen Käufers, bis zu welchem er bereit ist, den Kauf zu tätigen). Wem die Seitenspringerei zu mühsam ist: hier die komplette Liste auch für die eigene Harddisk.
Leider gibt es vergleichbares für die deutsche AMAZON-Seite noch nicht.
Eine weitere hilfreiche Informationsquelle bei AMAZON ist die sogenannte Ranking-Zahl (Verkaufsrang) des Buchtitels. Dieses Ranking erfolgt nach verkauften Stückzahlen und wird bei den ersten 10.000 stündlich aktualisiert. Ranking number 1: absoluter TOP-Seller; > 1 Mio meist “ziemlicher Ladenhüter”. Anhand dieser Sales Rank Ziffer können Amazon-Verkäufer abschätzen, wie lange sie auf den Verkauf eines gelisteten Titels warten müssen. Weitergehende Details können hier nachgelesen werden.

Hinweis: EUROBUCH: Suchmaschinen sind auch für das Antiquariatsgeschäft ein unentbehrliches Hilfsmittel geworden. Mit permanent wachsenden zusätzlichen Dienstleistungen buhlen die Suchmaschinenbetreiber um die Gunst ihrer Nutzer. Die Meta-Suchmaschine EUROBUCH.COM, die ich als sehr empfehlenswert empfinde, ist sehr fortschrittlich im Ausbau ihres ergänzenden contents. EUROBUCH deckt eine Vielzahl an Bücherportalen und Plattformen ab, einzig -bedauerliche- Ausnahme ZVAB.
Etwas versteckt unter der Seite “Bücher” findet sich eine SUB-Suchmaschine, die sogenannte Preistendenz Buchdatenbank, die nach Eingabe einer ISBN die von der Suchmaschine gespeicherten Suchen der Vergangenheit auswertet und statistische Ergebnisse, zum Teil in graphischer Form liefert. Die gefundenen Vergangenheits-Preisangebote und die sich entwickelnde Preistendenz sind meines Erachtens eine sehr hilfreiche Information bei eigenen Preisüberlegungen und -kalkulationen.
Direkt im Anschluss an die statistische Auswertung kann eine aktuelle Buchsuche dieser ISBN erfolgen.
An diesem Beispiel ist auch ersichtlich welche Informations- “Schätze” die Suchmaschinenbetreiber auf ihren Datenbanken ansammeln. Man muss sie nur intelligent und (Kunden-) zielgerecht heben.

-Wird fortgesetzt-

Rudolf Angeli
Buchsalon

Darwin und Dath

Mittwoch, 04. Februar 2009

An Darwins 200. Geburtstag kommt man nicht vorbei. Die Buchhandlungen überschlagen sich mit ihren Angeboten an neu aufbereitetem Lesestoff zur Entstehung der Arten.  Für den alten Herrn werden ganze Schaufenster mit Erzeugnissen vom Kleinoktav bis Quartschwarten  freigemacht. Ich frage mich hin und wieder, wer diese Angebotsfülle kauft und …aber auch liest! Eigentlich müsste es reichen, wenn man sein Hauptwerk läse (besser “lesen würde”?).
Und als Antiquar natürlich die Erstausgabe (The Origin of Species, vollständiger Titel On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, kürzer deutsch: Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein), erstmals veröffentlicht 1859. Und hier kann man wieder wählen zwischen digitalisiertem Online-Lesen  oder man bemüht sich um eines der wenigen First Edition Exemplare.
Mit der Meta-Suchmaschine BOOKFINDER , die über 150 Mio Bücher zum Preisvergleich parat hat, finden sich immerhin zwei Exemplare, das eine zu 27.700 € und das andere zu 35.100 €.  Soviel muß man schon hinlegen für einen der TOP-Evergreens der antiquarischen Schätze.  Ein weiteres Exemplar fand ich gestern im (newsletter-) Angebot von Quill & Brush , das von dem renommierten und erfahrenen US Ehepaar Allen and Patricia Ahearn geführt wird.
Auf die beiden bin ich in meinen Antiquariats-Anfangstagen gestoßen, da ich mich sehr intensiv mit den Themenfeldern Anglo-amerikanische Literatur und Antiquariatsmarkt, insbesondere First Editions beschäftigte.  Aus ihrer Feder stammen eine ganze Reihe von Preisbüchern und -führern, die in jede Handbibliothek von Freunden amerikanischer und englischer Werke gehören. Sie haben auch viele autorenspezifische price-guides veröffentlicht. Mittlerweile sind diese Einzelpreisführer auch gebündelt auf CD erhältlich.  Mehr zu dem spannenden Thema First Edition in England und USA später.
Zurück zu Darwin: in dem neu herausgegebenen Angebotskatalog von Quill & Brush findet sich auch ein Exemplar von ON THE ORIGIN OF SPECIES: By Means of Natural Selection, allerdings zu schlappen 175.000 $. Wow!
Sind die beiden erstgenannten nun echte Schnäppchen? Oder worauf gründen sich die gewaltigen Unterschiede? Ich weiss es nicht, man müsste die Angebote näher untersuchen. Nur eins ist sicher, und das ist meine feste Überzeugung: der Antiquar kennt keine Finanzkrise, denn ein Großteil seiner Kundschaft sind Sammler; und…  Sammler sind Besessene, wie die Headline eines Hamburger Abendblatt - Artikels über den Kunstmarkt vermeldete.

Tipp an alle Finanzkrisen-Geschüttelte und Geschädigte: Der Zusammenbruch der Börsen und Banken, der immense Werteverlust, den Ihr bei Euren Aktien- und Derivate-Investments durchmachen musstet und weiterhin erleidet, war und ist schlimm genug; aber Euer Hauptproblem harrt immer noch einer Lösung: wohin mit all dem Geld, das noch übrig blieb, wenn man das Bettkissen nicht als Ausweg wählen will, weil keine Value -Dynamik vorhanden ist?

Doch… es gibt sie noch, die Investitionsgebiete, die Euch wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern: bestimmte antiquarische Bücher erfahren Wertsteigerungsraten, von denen Aktienkäufer nur träumen können! Und nicht nur bei den seltenen historischen Werken, nein selbst im sogenannten modernen Antiquariat oder bei manchen Autoren, die viele zum Bereich der Trivialliteratur zählen, können wir verzückt immense Preisentwicklungen beobachten (Nur ein Beispiel sei hier genannt: die Erstausgabe des  Thrillers The Hunt for Red October von Tom Clancy aus dem Jahre 1984 ist in entsprechender Erhaltung nicht unter 1.000 € zu haben. Das ist eine Verhundertfachung des ehemaligen Ladenpreises!! Da muss man bei Aktien weit schauen, und bei dem derzeitigen Crash blieb auch nicht viel übrig).

Tja, Darwin Erstausgabe. Hin und wieder taucht auch ein Exemplar bei einer Auktion oder auf einer Messe auf (mal sehen, die Leipziger Buchmesse ist ja bald :-)  )

Letzte Woche erlebte ich Dietmar Dath im Literaturhaus Hamburg anläßlich einer Lesung seines von der Kritik hoch gelobten Buches Die Abschaffung der Arten. Um es vorwegzunehmen: sowohl meine Literatur- als auch meine Antiquarseele durchlebten zwei begeisternde Stunden: mit Dath haben wir einen hochintelligenten, tollen deutschen Autor, den man ohne Zögern und rückhaltlos empfehlen kann. (Letztes Jahr mit dem gelesenen Buch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis!). Seine Themen sind breitgefächert, neu, erfrischend,  an- und aufregend. Mich spricht er insbesondere an, da er Inhalte, Personen und Genres in neues Gewand kleidet, für die ich auch ein Faible habe: z. B.  Dirac - ein großer Physiker und Mitbegründer der Quantenphysik. Oder auch Maschinenwinter - Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift .
Und nun fürs Darwin Jahr Die Abschaffung der Arten ! Dietmar Dath blickt hier im Gegensatz zu Darwin nicht in die Vergangenheit, sondern 500 Jahre in die Zukunft.  ‘Er steht damit  in der Tradition großer spekulativer Literatur über Niedergang und Wiedergeburt der Zivilisation von Thomas Morus, Voltaire und Mary Shelley über H. G. Wells und Jules Verne bis hin zu Stephen King und William Gibson’ (Klappentext).  Alles Autoren, die auf meinen Lieblingslisten stehen. Und mein Antiquariatsherz machte auch einen Hüpfer. Zum einen weil ich einige Buchsignaturen ergattern konnte (ich gestehe, ich bin auch ein Signaturjäger, nicht zuletzt, weil signierte Bücher doch erheblich an Wert und Nachfrage  gewinnen). Ein Antiquar sollte sich nicht nur mit den gebrauchten Büchern älterer Herkunft beschäftigen, sondern sich auch um aktuelle Neuerscheinungen kümmern, insbesondere wenn er auch Exemplare an modernem Antiquariat auf seinen Regalen hat. Er  sollte ein Gespür dafür entwickeln, welche zeitgenössische Autoren Erfolgspotential für “Antiquariatsware” in sich haben. Denn manche  Debütanten von heute sind auch die antiquarischen Perlen vom baldigen Morgen! Die Wahrscheinlichket eines erfolgreichen Bestandeinkaufs wird noch gesteigert, wenn es die  Erstausgabe und/oder das signierte Exemplar oder gar um das Erstlingswerk eines angehenden Stars ist. Wenn dann noch hinzukommt, dass der Autor und seine Themen delizöses, “persönliches “Lesefutter” darstellen, gibt es kaum noch Steigerung.
Und Dietmar Dath ist so einer, von dem noch großes zu erwarten ist, und der sehr bald in den Suchlisten moderner Antiquariate auftauchen wird (meine Nasenprognose). Und das (noch) zu erschwinglicheren Preisen als die Werke von Darwin:-)

Für nächsten Dienstag konnte ich noch eine Restkarte des Leseabends von Daniel Kehlmann im Hamburger Schauspielhaus ergattern. Für ihn gilt ähnliches wie für Dietmar Dath. Freue mich auf einen modernen jungen Autor, der es schafft, einen ganzen Theaterraum zu füllen. Er hat bereits Kultstatus erreicht. Sein Die Vermessung der Welt wurde zum internationalen Bestseller.

Die Erstausgabe habe ich schon in meinem Bestand. Fehlt noch eine Signatur.

Rudolf Angeli
ANGELIBRI
http://www.buchsalon-angelibri.de/
P.S.: Nun ist’s doch wieder mehr geworden. Verspreche jedoch mich zu bessern, sobald mein “Speicher” etwas leergelaufen ist.